DPRG Zukunftsforum 2019: Erreichen wir uns noch?

 

Im Zeitalter des Internets und der sozialen Medien stehen uns so viele Kommunikationswege zur Verfügung wie nie zuvor. Zu jeder Zeit, an jedem Ort, ob als Einzelperson, als Verein, Institution oder Unternehmen – dem zwischenmenschlichen Austausch sind keine Grenzen mehr gesetzt. Doch gleichermaßen ist Kommunikation, insbesondere in der digitalen Welt, aktuell mehr denn je geprägt von Populismus, Inzivilität und Hass. Im Rahmen des fünften DPRG (Deutsche Public Relations Gesellschaft) ZukunftsForums, das am 24. und 25. Juni 2019 in Hamburg stattfand, kamen etwa 200 Kommunikatoren zusammen, um sich mit der zunehmenden Herkulesaufgabe der Kommunikation zu beschäftigen. Donner & Doria war mit dabei!

Unter dem spannenden Dachthema „Kommunikation und gesellschaftlicher Zusammenhalt – Erreichen wir uns noch?“ diskutierten die Teilnehmener in zahlreichen Sessions und Workshops, wie sich die zunehmende Komplexität der Kommunikationsprozesse auf unsere Gesellschaft auswirkt: Verstehen wir uns gegenseitig überhaupt? Oder sind die Unterschiede zwischen unseren Meinungen, Perspektiven und Motiven zu groß? Und was müssen wir tun, um wieder mehr zueinander zu finden?

Die Lösung scheint simpel: reden und reden lassen

Der Konfliktberater und Mediator Gernot Barth (Steinbeis-Hochschule Berlin) verdeutlichte in seiner Eröffnungs-Keynote die brisante Rolle der gesellschaftlichen Kommunikationskultur. Deutschland, so Barth, befinde sich in einem hoch eskalierenden Zustand, in dem Auseinandersetzungen weniger auf der Sachebene sondern vermehrt auf der Beziehungsebene stattfänden. Statt über Fakten zu diskutieren, feinden wir uns über Meinungsverschiedenheiten an – Gut gegen Böse, Richtig gegen Falsch. Ein konstruktiver Austausch sei in den Augen der Kommunikationspartner hierbei nicht mehr nötig oder gar erwünscht. Die Lösung für diese zunehmende Eskalation der Kommunikationskultur ist jedoch denkbar simpel: Wir müssen einander zuhören und dazu bereit sein, Dialoge einzugehen!

In seiner Keynote mit dem provokanten Titel „Papiertüten sind auch scheiße“ forderte Martin Brüning von Unternehmen, wertebasierte Argumente in den Mittelpunkt zu stellen – auch wenn dafür die eigene Komfortzone verlassen werden müsse. Als Beispiel nannte der leitende Unternehmenskommunikator der REWE Group die Umstellung der Handelskette von Plastik- auf Papiertüten, welche dem Unternehmen neben Lob auch einiges an Kritik von Umweltverbänden einbrachte. Stichwort: Ökobilanz. Damit Unternehmenskommunikation funktioniere, müssen die eigenen Werte und Ziele offengelegt, Stellung bezogen und der Dialog mit Stakeholdern gesucht werden. Unternehmen sollten aktive Treiber sein und Diskurse mitgestalten.

Wir halten (noch) zusammen

In direktem Bezug auf das Dachthema des Forums stellte Dr. Kai Unzicker von der Bertelsmann Stiftung die Ergebnisse der Studie „Sozialer Zusammenhalt“ vor. Demnach gibt es nahezu einen gesellschaftlichen Konsens: 75 Prozent der Deutschen sehen den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährdet. Allerdings spiegelt die Realität diese Befürchtung nur bedingt wider. Im Durchschnitt bewerten weit über die Hälfte der Befragten (68 Prozent) den Zusammenhalt in ihrer Umgebung als stark. Unzicker lieferte die  Erklärung für diesen scheinbaren Widerspruch. Besonders in Regionen, die durch Armut, Jugendarbeitslosigkeit oder Überalterung geprägt sind, stehe der Zusammenhalt gefährlich auf der Kippe. Das Fazit dieser Keynote: Damit Zusammenhalt bestehen bleibt, muss er aktiv gelebt und gestaltet werden. Aufeinander zugehen, Dialoge führen, sich engagieren – starke soziale Beziehungen brauchen eine stabile Grundlage, die unaufhörlich gepflegt werden muss.

Die Sessions: von Alltagsrassismus bis zum Podcasting

Neben den spannenden Keynotes war das Zukunftsforum von zahlreichen Sessions durchzogen. Nach dem BarCamp-Prinzip durften die Teilnehmer Vorschläge zu gegebenen Oberthemen wie Diversity, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Veränderung in der Kommunikation sowie Haltung zu sozialen und politischen Fragen machen. Über diese diskutierten die Zuhörer dann über 45 Minuten interaktiv.

So stellte beispielsweise Georg Carstens, Leiter des Text- & Konzept-Teams bei RCKT, die Frage: Rassismus abklatschen – darf man das? Mit der Initiative #ClapForCrap geben die Berliner Agentur RCKT und die Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit vor allem jungen Menschen mit dem ironischen „Slowclap“ eine Geste an die Hand, die als Mittel gegen alltägliche Ausgrenzung fungieren soll und mit der sie auch älteren, autoritären Personen entgegentreten können – ganz ohne Worte. Die Initiative zeigt Wirkung: Anstatt zu schweigen, nutzen viele Menschen in den sozialen Netzwerken mittlerweile die eigens kreierten GIFs und setzen damit ein klares Zeichen gegen Alltagsrassismus.

Make them stop scrolling!

So lautete die Aufforderung von Mirko Kaminski, Gründer und Geschäftsführer der Hamburger PR-Agentur achtung!. Denn ganze zwei Kilometer legen sogenannte „Heavy User“ täglich mit ihrem Daumen auf dem Smartphone zurück. Doch wie kann PR Scrollstopper schaffen, also User, die ihre Daumen innehalten lassen und auf Inhalte klicken? Lange waren Zeitungsartikel die Währung der PR. Heute entscheidet sich die Schlacht um Aufmerksamkeit auf dem Smartphone-Screen. Unternehmen sollen daher Storydoing oder -making statt Storytelling betreiben, so Kaminski. Das ließe den Daumen stoppen und einen Klick auslösen. Dafür muss ein Unternehmen allerdings erst einmal interessante Stories entwickeln und diese dann mit den Mitteln des Marketings umsetzen. Content nicht um des Contents, sondern um der Story Willen – nur so kann starke PR heute noch funktionieren.

Podcasting ist keine Raketenwissenschaft

Seit gut zwei Jahren ist Podcasting ein wichtiges Thema in den digitalen Medien und ein Trend-Format. Doch wie lassen sich Hörer erreichen? Dass Podcasting keine Raketenwissenschaft ist, zeigten Beate Kiep und Jens Stoewhase, Initiatoren des medienrot-Podcasts, der regelmäßig über Veranstaltungen berichtet und dabei O-Töne der Besucher einbringt. Denn Interviews aus der Kommunikationsbranche kommen an, so die beiden. Anhand ihres Podcasts vermittelten Kiep und Stoewhase Know-how über die Produktion sowie Distribution des Audioformats und machten deutlich: Es sollte dabei immer um die Interessen der Hörer gehen und nicht um die eigenen.

Fazit

Die Sessions und Workshops haben gezeigt: Es gibt keinen Leitfaden dafür, wie die zunehmende Herkulesaufgabe der gesellschaftlichen Kommunikation zu stemmen ist. Vielmehr gilt es, tagtäglich daran zu arbeiten, den Zusammenhalt – ob nun mit GIFS, Storydoing oder Podcasting – zu stärken. Nur so können Kommunikatoren in der heutigen Zeit dafür sorgen, dass wir uns gegenseitig weiterhin besser verstehen.

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